Materialsammlung – Isao Takahata – Die letzten Glühwürmchen
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Materialsammlung – Isao Takahata – Die letzten Glühwürmchen

In diesem Artikel möchte ich meine Recherche zum Film „Die letzten Glühwürmchen“ von Isao Takahata dokumentieren und zugänglich machen. Mein besonderes Interesse gilt hierbei dem Trauma des Zweiten Weltkrieges, der Bombardierung Japans vor 75 Jahren, das Land, Leute und ihre Kunst beeinflusst hat.

Film und Filmemacher

Die letzten Glühwürmchen (jap. 火垂るの墓, Hotaru no Haka, „Das Grab der Leuchtkäfer“, Alternativtitel: Die letzten Leuchtkäfer) ist ein Anime-Film von Studio Ghibli unter der Regie von Isao Takahata. Er basiert auf der 1967 veröffentlichten, teilweise autobiografischen Kurzgeschichte „Das Grab der Leuchtkäfer“ (im Japanischen unter dem gleichen Titel wie der Film erschienen) von Akiyuki Nosaka, dessen Schwester im Zweiten Weltkrieg verhungerte. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_letzten_Gl%C3%BChw%C3%BCrmchen

Ein Trailer zum Film

Isao Takahata (jap. 高畑 勲 Takahata Isao; * 29. Oktober 1935 in Ujiyamada, Präfektur Mie; † 5. April2018 in Itabashi, Präfektur Tokio[1][2]) war ein japanischer Regisseur und Produzent von Animeserien und -filmen. Er war Mitbegründer von Studio Ghibli und vor allem durch seine Arbeiten für dieses Produktionsstudio bekannt. Davon abgesehen ist sein bekanntestes Werk in Europa die Fernsehserie Heidi. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Isao_Takahata

Thematisch relevanter Essay zum Film

Überlieferte Erzählkünste Japans

Auch aus dem westlichen Altertum sind Dramen und Schwänke überliefert. Auch im europäischen Mittelalter reisten Schauleute umher und erzählten von Mythen, Begebenheiten, politischen und rechtlichen Grundsätzen und bedienten sich Illustrationen auf Tafeln, zur Untermalung.

Mit dem Kamishibai, dessen Ursprünge auf buddhistische Wandermönche im 10. Jahrhundert zurückgehen, entstand eine Form der bildgestützten Erzählung, die noch heute in Form von Essay-Filmen, im Gebrauchs- und Dokumentarfilm Anwendung findet. Der Vorführer erzählt mit kurzen auf die Bilder abgestimmten Texten, häufig kindgerechte Geschichten und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Süßigkeiten. Dies war ein Massenmedium mit täglich Millionen Zuschauern, bis das Fernsehen ihm viel Aufmerksamkeit streitig machte.

Die Parallelen zum Kino-Betrieb sind offensichtlich. Auch diesem wurde durch das Aufkommen des Fernsehens ein herber Schlag verpasst.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kamishibai

Kurzer Exkurs: Kamishibai-Stücke wurden mitunter sogar in andere Formen adaptiert. Die Adaption bekannter japanischer Stücke führte nicht nur zu Sergio Leones Dollar-Trilogie (https://vimeo.com/153733774) und Star Wars (https://www.insidejapantours.com/blog/2015/12/17/sith-and-samurai/).

Auch heute werden Theaterstücke zu Filmen, Filme zu Musicals und Kinderbüchern adaptiert. Kürzlich Star Wars gar in Gewand des Kabuki.

Bunraku– und Kabuki-Theater entstanden im 16. Jahrhundert und gehen auf ältere, aus China überlieferte Tanz-Theater zurück, deren Namen ich zumindest erwähnt haben möchte: Nôgaku, Sangaku

Gab es im alten Japan einen Aufschrei, als man die Abstraktion der Erzählung, durch die Benutzung von anthropomorphen Puppen, durch Menschen in Kostümen herabsetzte?

Quelle: https://ich.unesco.org/en/RL/nogaku-theatre-00012

Ein Bunraku-Stück

Das Kabuki-Theater lief dem Bunraku schließlich den Rang ab, verdrängte es aber nicht gänzlich. Denn es gibt Erzählungen, die davon profitieren, dass man sie mit etwas mehr Abstand, einem höheren Abstraktionsgrad, darstellt.

Die Anfänge des Anime

Womit wir zum Anime kommen. Einer Form der Geschichtenerzählung, die ich auf die bisher vorgestellten Medien zurückführen möchte.

Der folgende Clip ist die restaurierte Fassung des ältesten (erhaltenen) Zeichentricks Japans, aus dem Jahre 1917. Der kurze Anime erzählt die Geschichte eines Samurai, der ein neues Schwert ersteht und damit nicht recht umgehen kann.

Restaurierte Fassung des ältesten (erhaltenen) Anime (1917).

https://de.wikipedia.org/wiki/Namakura_Gatana

http://www.openculture.com/2018/10/early-japanese-animations-origins-anime-1917-1931.html

Die Animation ist sehr rudimentär und wahrscheinlich mit Schiebetrick gelöst, einer Technik, der wir gleich noch einmal begegnen. Das Medium des Films war nach dem ersten Weltkrieg bereits nichts Neues mehr und überall auf der Welt entstanden auch Animationen durch Stop-Trick und Zeichentrick. Ich vermute, dass Anime und Manga in der japanischen Gesellschaft schnell einen anderen Stellenwert bekommen konnte, weil man durch die praktizierten Rituale der Tanz- und Puppentheater einen anderen Zugang zu Erzählungen und Darstellungen in abstrahierter Form, sprich Zeichentrick, finden konnte. Im Westen war Zeichentrick schnell ein Merkmal von Kommerziellem wie Werbung oder eben (Kinder-)Unterhaltung.

Faszinierende Arbeit, gelöst durch die Animation von Zeichnungen auf Papierausschnitten, auch bekannt als Flachfigurenfilm.

Die Schuld

„After the success of the anime DIARY OF ANNE FRANK, producers realized the value of children as protagonists – caught up in a conflict not of their own making, the brutalized innocents of BAREFOOT GEN, GRAVE OF THE FIREFLIES, and their many imitators allowed history without discussion of responsibility.“

Clements, Jonathan; McCarthy, Helen: The Anime Encyclopedia: A Guide to Japanese Animation Since 1917, Revised and Expanded Edition; Stone Bridge Press; 2006

Man konnte sich durch den Blick des unschuldigen Kindes mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen ohne Stellung beziehen zu müssen. Man sagt so, was uns passiert ist, ist ganz schrecklich. Aber man lässt nicht unbedingt eine Reflektion über die eigene Verantwortung am Krieg und seinen Verheerungen zu.

Anime ist nicht unschuldig. Ganz wie die amerikanische (Animations-)Filmbranche, wurde auch die japanische zur Untermauerung imperialistischer und ideologischer Ansprüche instrumentalisiert.

Der erste abendfüllende Anime Momotaro: Umi no Shimpei entstand 1944 als Propagandafilm.
In Die letzten Glühwürmchen fallen keine Atombomben. Der Film spielt in den Ruinen von Kobe.

Das Erbe

Der erste Godzilla-Film von 1954 (Gojira) ist in der japanischen Originalversion ein nicht nur tricktechnisch beeindruckendes, sondern auch hinsichtlich der Handlung und Dramatik durchdachtes Werk, das sich als eine Allegorie auf das japanische Trauma der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki[1] oder aber als direkte Reaktion auf das Atomunglück von Dai-go Fukuryū-maru[2] deuten lässt.“

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Godzilla

Der amerikanische Soziologe Kai Erikson arbeitete über individuelle und kollektive Traumata:

“By individual trauma I mean a blow to the psyche that breaks through one’s defenses so suddenly and with such brutal force that one cannot react to it effectively. … By
collective trauma … I mean a blow to the basic tissues of social life that damages the bonds attaching people together and impairs the prevailing sense of communality.
The collective trauma works its way slowly and even insidiously into the awareness of those who suff er from it, so it does not have the quality of suddenness normally associated with ‘trauma’. But it is a form of shock all the same, a gradual realization that the community no longer exists as an effective source of support and that an important part of the self has disappeared …”

(Caruth 1995: 187)

What is especially true in this latter regard for people who have been traumatized directly during and after the War, moreover, seems to hold true for those of subsequent generations who have been—and continue to be— ‘infected’ by the ‘contagious’ traumatic events and experiences of the wartime and immediate postwar past. Thus, in Japan and elsewhere, there appear to be signifi cant yet underappreciated transgenerational dimensions to personal and collective war-related trauma and its representation.
With regard to the present study, we suggest that Japanese artists affected by such trauma, whether directly or indirectly, can be understood to be engaging in ongoing, collaborative projects aimed at more fully constituting particular traumatic experiences and events in cognitive, affective and ethical terms.

Als der Anime „Die letzten Glühwürmchen“ 1988 erschien, waren erst 43 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen und nicht wenige Mitarbeiter, die an der Produktion des Films beteiligt waren, mussten die Bombardierungen selbst erfahren haben. Das kollektive Trauma ihrer und der nächsten Generation, der eine tiefgehende Aufarbeitung verwehrt geblieben war, hatte sich in ihnen festgesetzt. Sie waren nicht in der Lage das Geschehene objektiv und selbstreflexiv einzuordnen und ein Schuldeingeständnis war fern. Erst heute kann sich die japanische Bevölkerung – ihre Künstler in ihrer Kunst – mit dem Versagen ihrer Regierung und des Staates auseinandersetzen.

So wie auch die Deutschen, waren die Japaner der Ansicht gewesen, die Krone der Schöpfung und „Herrenmenschen“ darzustellen. Das japanische Militär hatte groß-imperiale Ansprüche verfolgt und auf chinesischem Festland Hunderttausende Menschen abgeschlachtet, als wären sie Vieh.

Das Leid, dass wir im Film sehen, ist auf dem Hass und der Bosheit gewachsen, die die Elterngeneration der Opfer selbst in die Welt getragen hat.

Filme wie „Die letzten Glühwürmchen“ sind daher äußerst wichtig. Wir, die das kollektive Trauma geerbt haben, müssen es verarbeiten und nicht verdrängen, vergessen.

Wer vergisst, muss die selben Fehler wiederholen.

Williams, Mark: Imag(in)ing the war in Japan : representing and responding to trauma in postwar literature and film; Brill; Leiden-Boston; 2010;

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