Betrachtung einer künstlerischen Position – Rashid Johnson
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Betrachtung einer künstlerischen Position – Rashid Johnson

Intro

In diesem Artikel werde ich den afroamerikanischen Künstler Rashid Johnson und einige seiner aktuellen Arbeiten vorstellen und ihn in Interview-Auszügen und -Ausschnitten selbst zu Wort kommen lassen.

Foto von Sheree Hovsepian 
Geklaut von www.lux-mag.com

Rashid Johnson

*1977 in Illinois, wuchs in Chicago auf. Afrozentrisches, gebildetes Elternhaus.

Studium am Columbia College Chicago (BFA in Fotografie, 2000) und School of the Art Institute of Chicago (MFA, 2005)

Er ist verheiratet mit der Künstlerin Sheree Hovsepian, sie haben einen Sohn namens Julius und leben in New York.

Johnson wird als exemplarischer Vertreter der Post Black Art gesehen.

Post Black Art

Ich möchte mich zunächst an einem Annäherungsversuch zum Verständnis der Post Black Art versuchen, da mir dies sehr schwer fällt.

Das Selbstverständnis der Malerei war für Jahrhunderte an einen strikten Kanon gebunden. Es kann notwendig werden althergebrachte Vorstellungen zu überwinden, weil die Welt sich weiter gedreht hat und so gibt es nun immer mehr Stimmen, die von einer Post Black Art sprechen.

Black Art ist der Begriff des Selbstverständnisses für die Kunst afrikanisch-stämmiger Menschen, eine Kategorisierung für eine bestimmte künstlerische Leistung und politisch besetzt um eine Solidarität auszudrücken. Dies habe begonnen sich aufzulösen, als soziale Barrieren zusammenbrachen und Künstler sich mehr dafür interessierten, ihre individuelle Ästhetik auszudrücken.

„Als farbiger Künstler, insbesondere als schwarzer amerikanischer Künstler, stellen sich die Leute oft vor, dass die Auswirkungen von Rassismus und Sklaverei und andere unterdrückerische Aspekte unserer Geschichte auf bestimmte Weise auf mich und mein Projekt zurückfallen, aber was mich wirklich interessiert So werden diese eher monolithischen Rassenbedenken durch jemanden wie mich gefiltert. Ich suche nach Autonomie, was meiner Meinung nach in gewisser Weise jeder Künstler sucht.“

Rashid Johnson

Ich verstehe Rashid Johnson als Künstler, der sich der historischen Last von Rassenhass und Klassenunterschieden bewusst ist und sich davon befreien möchte. Er akzeptiert das Geschehene, was seine Identität und Kultur formt und will lieber einen Schritt weiter gehen, als wie die Künstler zuvor gegen die Ungerechtigkeiten, Verbrechen und den Hass anzukämpfen.

Er ist sich seiner Herkunft sehr bewusst und besinnt sich auf Materialien afrikanischen Ursprungs. Naturmaterialien wie Leinen, Leder, Sheabutter und natürliche Pigmente in Erdtönen bestimmen sein Werk.

“A lot of my work has dealt with hip-hop, taking materials and tools, combining them with mark-making. It’s remixing.”

Rashid Johnson

Johnsons Ausführungen seien mitunter beliebig, kritische Stimmen an seinem Werk werfen Johnson Unreife, aber auch einen Hang zu Nostalgie und Kitsch vor.

Gutes Beispiel hierfür ist auch folgende mehrstöckige Installation tropischer Pflanzen mit Leuchtröhren, die er in unterschiedlichen Ausstellungsräumen auf der Welt abgewandelt realisierte. Man kann Johnson auch hier ein schwaches Konzept vorwerfen, das er mit afrikanischer Symbolik, Farnen, Palmen, seinen grob gehauenen Skulpturen aus Sheabutter, diversen Büchern und einem Röhrenfernseher mit Dauerschleife (Rocky IV?!?!?!) anreichert.

Serie „Black and Blue“ (2021)

Ich möchte diesem Video kurz Raum geben, das Johnson beim Gestalten eines Bildes zeigt. Wir sehen ihn hier mit Handschuh pastöse Farbe auftragen. Sein Gestus, sein Ausdruck wird durch die Überlagerung im Verlauf der Handlung festgehalten. Die Beschränkung auf das Schwarz und Blau sind in meinen Augen reizvoll, der Verlauf zwischen den Farben ist fließend. Der Schlüssel zum Verständnis dieser Arbeit sind die Louis-Armstrong-Schallplatten, weswegen ich einen Auftritt von Armstrong im deutschen Fernseh 1965 eingebunden habe und auf den Songtext verweise.

Cold empty bed, springs hard as lead
Feel like Old Ned, wish I was dead
All my life through, I’ve been so black and blue

Even the mouse ran from my house
They laugh at you, and scorn you too
What did I do to be so black and blue?

I’m white – inside – but that don’t help my case
Cause I can’t hide what is in my face

How would it end? Ain’t got a friend
My only sin is in my skin
What did I do to be so black and blue?

„Black and Blue“, Text von Harry Brooks

Das „Schwarzsein“ und der Jazz, der Blues (Stimmung und Musik) sind untrennbar.

Mich berührt die Musik und durch sie diese Arbeit.

Man kann Johnson für seine Entscheidungen kritisieren, aber ich finde die Kritik, die etwa Christopher Hutchinson (Kunstprofessor am Atlanta Metropolitan State College) übt zu harsch.

Diese ihm vorgeworfene Unterkomplexität lässt ihn für die breite Masse attraktiver und zugänglicher erscheinen. Seine Arbeiten sind zugegeben plakativ, aber machen Depression und Ängste sichtbar, was diese verdrängten Themen beleuchtet und so helfen soll, diesen Raum zu geben um sie zu verarbeiten.

Das Thema „Mental Health“ zieht sich wie ein Roter Faden durch seine Arbeiten und schauen wir uns nun noch drei aufeinander aufbauende Serien von Gemälden und Mosaiken der letzten Jahre an, schränken wir das Ouevre Johnsons zwar ein, sehen aber seine eigene Manie – und Beständigkeit.

Serie „Anxious Men“ (2015)

Wachs und Seife auf Fliesen.

Sheabutter ist ein hochwertiges Pflanzenfett, das für reichhaltige Körperpflegeprodukte, aber auch in Nougatbrotaufstrichen Verwendung findet. Als Zutat einer schwarzen Seife, die aus Westafrika stammt, findet die Sheabutter ihren Weg nach Nordamerika und schließlich auf die Fliesen von Rashid Johnsons „Anxious Men“, wo sie als Signifikant afrikanischer Identität einwirken. Darüber hinaus spiele die Seife auch mit rassistischen Vorstellungen von Reinlichkeit und… auch schwarze Seife mache schwarze Haut nicht weiß.

Die Fliesen haben eine persönlichere Verbindung für ihn. Als Studierender zog Johnson sich gerne, gar zum Lernen, in Russische und Türkische Badehäuser zurück.

In Ausstellungen verband Johnson diese Gemälde mitunter mit einer Fototapete eines Fotos seines ermordeten Vaters und suchte auch durch musikalische Untermalung den Verweis auf die Waffen- und Polizeigewalt gegen Schwarze.

Serie „Broken Men“ (2019)

Rashid Johnson – Two Standing Broken Men (2019)

In dieser Serie finde wir nicht nur weiße Kacheln, wir finden Mosaike vor, neu zusammen gesetzte Realität. Bruchstücke aus Glas und Keramik die ein Ganzes bilden. Die Arbeiten sind unter anderem mit Ölstiften, geschmolzener schwarzer Seife und Wachs bemalt und stellen eine offensichtliche Fortsetzung von „Anxious Men“ dar.

“I’m conscious of how the movement has effectively started breaking down the structure of machismo and how masculinity has functioned as a dominant force. When I call these works Broken Men, I didn’t intend to gender or race them. It was meant as a stand in for the human condition.”

Rashid Johnson

Johnson verwehrt sich davor, die dargestellten Figuren als exklusiv männlich zu bezeichnen, auch wenn der Titel das nahelegt. Er möchte niemand ausschließen. Diese Wand-Mosaike sind von unterschiedlichen Dimensionen, können aber auch mehrere Meter breit und bis zu zweieinhalb Meter hoch sein.

The Broken Five (2019)

Serie „Untitled Anxious Red Drawings“ (2020)

Untitled Anxious Red Drawing (2020)

Auch in dieser Serie sieht man gleich, dass es sich um eine weitere Fortführung von „Anxious Men“ handelt.

These new works are pared down, and I like the spartan quality of them. All I needed was paper and oil sticks — in vivid red, which I associate with urgency, blood and alarm. I spent time quickly conjuring images that had a relationship to earlier works but are fresh and new because of the circumstances in which they were made. I needed a cathartic release, a way to describe my emotional state. I don’t often make work by responding immediately to a set of circumstances — I tend to kind of take in information and then translate it over time — but this was something that I felt needed to happen quickly.

Rashid Johnson

Die Pandemie, der Lockdown und die Phasen der Isolation durch eine Quarantäne, gingen an Niemand spurlos vorbei. Künstler haben das Glück ein Outlet zu kennen, das ihnen hilft. Aber nicht jeder Künsterin oder jedem Künstler ist es so wie Johnson möglich gewesen, sich direkt auszudrücken. Wer hat schon den Raum? Wer hat die Zeit?

Spielfilmdebüt „Native Son“ (2019)

Johnsons Filmdebüt als Regisseur ist die Literaturverfilmung „Native Son“. Das Filmstudio A24 hat sich in den vergangenen Jahren zum Garanten für anspruchsvolles Kino entwickelt und brachte einige meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre heraus. Zu sagen, dass ich mich darauf freue, diesen Film zu schauen, wäre allerdings gelogen. „Native Son“ ist ein schonungsloser, sozialer Kommentar.

Ein junger Afroamerikaner (dessen Begehr es ist, mehr als „black“ zu sein und aus den gesellschaftlichen Normen auszubrechen versucht) beginnt als Fahrer für einen wohlhabenden Weißen zu arbeiten und als er die Avancen dessen Tochter abweist, bezichtigt sie ihn der Vergewaltigung.

Johnson hat hier ein für ihn sehr passendes Projekt gewählt und kann die ihn bewegenden Themen sehr gut verhandeln: (Post-)Schwarze Identität und Kultur, Alltagsrassismus, Ängste und psychische Gesundheit

Exkurs: White Gaze

Die folgenden Aussagen von Rashid Johnson finde ich zu wichtig um sie unerwähnt zu lasse und sie helfen den Post-Black-Art-Gesichtspunkt besser zu verstehen.

„What is the white gaze? Which white gaze? Most of my work has challenged the idea that blackness is monolithic. The fact that I and artists like me have so aggressively challenged that position calls into question why we might suggest whiteness is something so simple.“

„I have people in my community who are white — friends, family, people who influence and participate in my work. If it’s their gaze that we’re discussing, then it’s quite an informed one. If it’s a bigoted white gaze, then it’s different. But I don’t imagine the latter having much access to my work. All of that is to suggest that I don’t believe there is a white gaze that we can speak about without delving into the complexity of whiteness.“

„We need to have these conversations: What whiteness are we talking about? Is it the white liberal? The white New Yorker? Is it European whiteness? Is there a privilege that is also qualified by a real financial agency as opposed to poverty? This produces different kinds of perspectives. Although we like to imagine that white privilege is inherently linked to white wealth, it’s not. That’s clumsy at best. I’m as guilty as anyone of referencing whiteness with a tremendous implicitness.“

„I was quite lucky because of how I was raised in Chicago. My mother and father took it upon themselves to introduce me to a black literary and intellectual tradition at an early age. I never had to search. There was never a suggestion that they didn’t exist. There are other artists and black thinkers who have had to more or less discover what they felt was an underground world of black intellectualism, having gone to schools that put more of an emphasis on white and Western traditions. When they discover black thinkers, it’s a revelation to them. For me, it was never a revelation — it was the way things were — so I don’t conjure black literary figures in my work as an opposition to the white underlying concepts and traditions that someone would probably think I’m reacting against. I’m not.“

„We would never ask Picasso why he painted white people. We wouldn’t position him as an outsider, and yet we consistently find new ways to position the work of black artists as inherently being in response to the obstacles presented by a white world. I’m just speaking from how I understand the world, how I see it. And at the center of my world is not whiteness.“

Rashid Johnson

Fazit:

Was verbindet mich mit Rashid Johnson?

Was war mein Bauchgefühl?

Mut zur Hässlichkeit, hatte es nicht einfach. War ihm nicht in die Wiege gelegt. Erwartungshaltung.

Quellen:

Rashid Johnson

Post black art

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